Kelsterbach ist FairTrade Stadt

Kelsterbach hat es geschafft: Die Stadt ist nun offiziell fair! Während einer kleinen Feier in der IGS-Mensa überreichte Manfred Holz, Botschafter der Entwicklungshilfeorganisation TransFair, der engagierten Lenkungsgruppe das ersehnte Zertifikat. Kelsterbach darf sich ab sofort Fairtrade-Stadt nennen und ist damit die 375. Kommune in Deutschland, die sich aktiv für fairen Konsum und gegen unfaire Arbeits- und Produktionsbedingungen einsetzt.

Gefeiert wurde die Zertifizierung mit einem fairen Buffet, für die musikalische Umrahmung sorgten Jessica Tanke und Johanna Hörster als das Duo „Ja ich will, Hochzeitsgesang“. Außerdem informierte Kathrin Schell von der Organisation „Colombo3“ über ihr Projekt in Sri Lanka, das dort Frauen ein sicheres Einkommen bietet. Hergestellt werden dort Kleidung, Taschen und Stoffspielsachen.

Fünf Kriterien habe Kelsterbach erfüllen müssen, um Fairtrade-Town zu werden, erklärte Thorsten Schreiner, der selbst in der Lenkungsgruppe aktiv ist und durch den Abend führte. Einige davon seien einfacher, andere weniger einfach gewesen, so Schreiner, der betone, dass es einige Mühen gekostet habe, bis Kelterbach schließlich zertifiziert wurde. Neben dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung und der Bildung einer Lenkungsgruppe mussten der Einzelhandel vor Ort sowie Cafés und Restaurants vor Ort faire Produkte anbieten. Dazu sollten öffentliche Einrichtungen wie das Rathaus, Kirchen und Vereine faire Produkte verwenden und über die Aktivitäten auf dem Weg zu Fairtrade-Stadt mussten die örtlichen Medien berichten.

Lob für die seit 2012 aktive Lenkungsgruppe gab es von Bürgermeister Manfred Ockel (SPD). Die Mitglieder hätten viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. „Doch wir dürfen uns nicht auf dem Zertifikat ausruhen und müssen den Finger weiter in die Wunde legen“, betonte Ockel. Denn unfaire Löhne und Ausbeutung seien neben Krieg ein Grund für die Flucht vieler Menschen. Täglich kaufe man ein, ohne die Produktionsbedingungen zu hinterfragen. Transfair setze sich für die Menschen vor Ort in den produzierenden Ländern ein und wolle die Bedingungen verbessern. Eine weitere Chance sei die Gründung von Genossenschaften, damit die Produzenten gemeinsam die Märkte erschließen und sich so besser gegen große Konzerne durchsetzen könnten, erklärte Ockel.

Auch der Kreis Groß-Gerau strebt eine Fairtrade-Zertifizierung an. Wie Landrat Thomas Will (SPD) erklärte, gehe es bei Fairtrade neben der Verbesserung der Produktionsbedingungen auch um ein Umdenken hier. „Wir müssen weg von dieser Wegwerfgesellschaft“, so Will, der kritisierte, dass die Hälfte der produzierten Lebensmittel in der Biotonne lande. Fairtrade könne Lebensmitteln und Kleidung wieder einen Wert geben und Fluchtursachen bekämpfen, da bei fairem Wettbewerb beispielsweise autoritäre Regime schwerer Fuß fassen könnten, erklärte der Landrat.

Seit über drei Jahren setzt sich die Lenkungsgruppe für eine Fairtrade-Zertifizierung ein. Die Gruppe besteht aus Mitarbeitern der Verwaltung und Schulen sowie aus Mitgliedern des Magistrats, der Kirchengemeinden, der Parteien und Vereinen. Unfaire Produktions- und Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern sowie Kinderarbeit auf Plantagen müssten angeprangert werden, erklärte Thorsten Fern. Man habe nicht weiter nur Zuschauer dieser Realitäten sein sondern mit dem eigenen Konsumverhalten das Bewusstsein für gerechte und umweltschonende Produktionsbedingungen wecken wollen, sagte der Sprecher der Lenkungsgruppe.

Fern erinnerte in seiner Rede daran, dass die Fairtrade-Mitstreiter regelmäßig mit Infoständen auf dem Wochenmarkt und bei anderen Anlässen vertreten seien. Erfreulicherweise biete auch der lokale Einzelhandel immer mehr faire Produkte, darunter Kaffee, Tee, Zucker oder Bananen, an. Mit ins Boot kamen mit dem Kiosk im Sport- und Wellnessbad und dem „Treffpunkt“ auch zwei Gastronomiebetriebe, die faire Produkte anbieten. Thorsten Fern lobte den Einsatz der Projektleiterin Sonja Friedrich, die mit ihrer Zähigkeit und Ausdauer maßgeblich zum Erfolg beigetragen habe.

Auch die Friedensgemeinde mit ihrem Weltladen, der Tierschutzverein, die Country-Company, die Kolpingfamilie, Kleeblatt und der Kanu-Club Kelsterbach unterstützten seit vielen Jahren das Anliegen und böten faire Produkte an. „Ich denke, dass wir mit all diesen Aktivitäten ein Stück weit werben konnten für den Gedanken von sozialer Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit alltäglichem Konsum“, sagte Thorsten Fern. Das aufgebaute Netzwerk könne auch eine gute Grundlage für zukünftigen Projekte und gemeinsame Aktivitäten in Kelsterbach sein.

Manfred Holz erklärte, dass, würde man eine Umfrage machen, sich 99 Prozent der Konsumenten gegen Kinderarbeit und Ausbeutung aussprechen würden. „Aber wir sind alle Schnäppchenjäger“ so der TransFair-Botschafter. Solidarität müsse wieder ein globaler Begriff werden. „Wir haben die große Verantwortung, dass diejenigen, die täglich unseren Tisch decken, auch satt werden“, so Holz. Noch sei der Anteil an fairen Waren in Supermärkten gering. „Aber Deutschland ist weltweit der dynamischste Markt für faire Waren“, betonte Holz. Die Kommunen leisteten eine tolle Vorbildfunktion, wenn sie sich um das Fairtrade-Siegel bewerben. „Die Anforderungen sind hoch aber erfüllbar und den Titel bekommen Sie nicht geschenkt.“ Kelsterbach habe die Kriterien mit Bravour erfüllt, erklärte Manfred Holz. (nsc)