Kelsterbach 2017 – was und wie sich eine Stadt bewegte

Das abgelaufene Jahr im Rückspiegel wird zweifelsfrei als ein Jahr der Neuerungen oder Veränderungen in die städtische Chronik eingehen. Die Stadtmitte und die Kerb sind Beispiele dafür, dass die vergangenen zwölf Monate in Kelsterbach einen Wandel repräsentieren, der zwar vor längerer Zeit seinen Anfang nahm, sich jedoch in vielen Bereichen verdeutlicht. Für Anno 2017 galt wie für viele seiner Vorgänger, dass Kelsterbach bestimmt keine Schlafstadt ist. Dieser Jahresrückblick beschränkt sich auf eine Auswahl von Themen, unterteilt in sechs bezeichnenden Feldern.

 

Gewerbliches und Städtisches

In diesem Bereich dürfte ohne Zweifel die Eröffnung der neuen Mitte im Oktober Rangliste der Schlagzeilen anführen. Bis zum heutigen Tag zwar kontrovers diskutiert, bleibt eine Eröffnung in Erinnerung, deren Begeisterungseffekt einem Volksfest zur Ehre gereichte. Gefeiert wurde ein neuer Platz inklusive neuem Gebäude, das für gewerbliche und wohnliche Nutzung Raum bietet. Seit Oktober stehen dort Café Ernst, Tegut und die Kreissparkasse Groß-Gerau ihren Kunden zur Verfügung. Kurz darauf öffnete noch der Pflegedienst Jansen seine Pforten und machte die „Neue Mitte“ komplett. Für Gesprächsstoff wird dort weiterhin gesorgt sein, denn das große Investoren-Gebäude scheint wie der Parkplatz davor bemerkenswert zu polarisieren. Während die einen sich an einem gefühlten Zugewinn an Aufenthalts- und Einkaufsqualität erfreuen, stört die anderen die Größe des Hauses oder gar der Abstand von Lichtquellen und Bäumen.

Seine Europazentrale in Kelsterbach eröffnen möchte der Global-Player im Bereich Maschinenbau Fuji. Nicht zu verwechseln mit der bekannten Foto-Marke, steuert das japanische Unternehmen, nach seinem Umzug von Mainz-Kastel den Vertrieb auf dem Gelände der Staudenäcker. Das in Kelsterbach vielseitig tätige Unternehmen NH Projektstadt (Nassauisches Heim) realisierte in Kelsterbach fünf neue Wohnblöcke, deren Kapazität fast die doppelte Wohnfläche der alten Gebäude in der Waldstraße bietet. Abgesehen von der optischen und wohnlichen Verbesserung, hatten die Mieter der abgerissen Häuser die Option in die Neuen einzuziehen. Ebenfalls in NH-Verantwortung konkretisierte sich ein Projekt, das als eines der erfolgreichsten Städteförderbauprogramme in Deutschland bezeichnet werden kann. Im Südwesten im Bereich zwischen Main und Rüsselsheimer Straße soll die alte Bezeichnung „Mainhöhe“ für das Neue stehen. Wo über 1200 Menschen auf zwölf Hektar leben, entstand ein Bürgertreff. Dabei werden geplant und umgesetzt: die Entwicklung eines Freiflächen-Konzepts mit Gestaltungsleitbild, Umgestaltung des Mainvorlandes und der Kelsterbacher Terrasse, barrierefreie Hauseingänge und eine begleitende Kommunikation inklusive Imagekampagne. „Alt und neu bleiben unterscheidbar“, soweit der Architekt Bernd Erik Wiegand zum Relaunch für das ehemalige Sozialgebäude auf dem Enkagelände. Den Denkmalschutz als Herausforderung und nicht als Hindernis ansehend, war es das Ziel, Altem neues Leben einzuhauchen. Für eine künftige Nutzung mit Wohnungen, kleinen gewerblichen Einheiten und Gastronomie wurde Richtfest gefeiert. Unter dem Aufmerksamkeit erregenden Namen „Kelsterbacher Wassercraftwerk“ eröffnete ein Hotel in der Isarstraße auf dem Mönchhofgelände. Dieses bietet nicht nur luxuriöse Unterkünfte für Gäste oder Geschäftsleute, sondern selbstgebraute Biersorten im Restaurant. Farblich eingepasst in das Stadtbild präsentieren sich die Lärmschutzwände, deren Fertigstellung in Kürze zu erwarten ist. Für ein neues Bild sorgen zudem noch die Straßenlampen, dank Umstellung auf LED.

 

Kulturelles und Verein(endes)

Im Bereich Kultur und Vereinswelt hatte sich auch Einiges getan. Schon am Anfang des Jahres meldete sich eine Gruppierung zurück, die in Kelsterbach Fastnachtsgeschichte geschrieben hat. Getragen von einigen Veränderungen, lief die große Sitzung verkürzt aber stimmungsgeladen ab und setzte einen Neuanfang für den Verein. Von Veränderungen geprägt ebenfalls neu als neu erfunden, durfte die Kerb wahrgenommen worden zu sein. Nachdem zunächst der Rückzug des Festwirts und die kurzfristige Absage des Nachfolgers das Volksfest Nummer eins fast zum historischen Scheitern gebracht hätten, gelang es den Verantwortlichen, das Ruder rumzureißen. Ein kleines aber an Detailliebe und Effizienz gestaltetes Festzelt gaben der Kerb einen neuen Mittelpunkt, der womöglich neue Energie bei sämtlichen Beteiligten frei setzte und für eine gute Zukunft stehen könnte. In den Mai getanzt wird vielerorts, jedoch der Kulturverein „Die Schnaaken“ nahm das einst erfolgreiche Prädikat wieder in den Kulturkalender auf. Ähnlich wie bei Anglern, Kelsterkult und den Kanuten werden vereinsseitig Events produziert, die sich in der Untermainstadt etablieren konnten und ausbaufähige Anreize darstellen. Die zahlreichen Vereine, Verbände und Organisationen bestätigen mit ihrem Engagement für Kultur und Soziales die Zuschusskultur, die von sämtlichen Fraktionen der Stadtverordentenversammlung nach wie vor goutiert wird. Das galt und gilt auch für das Andreasgelage, dass ausnahmsweise einer Absage zuvorkommend an den einstigen Ort der Historie der Neuzeit zurückkehrte. Bei Weck, Worscht, Woi und einem viel beachteten Vortrag fühlten sich die Gäste in Mehrzweckhalle Nord sichtlich wohl.

 

Ehrenwertes

Auch in 2017 gab es Anlass für Ehrung, Anerkennung und Bewunderung. Im Januar begann der ehrenwerte Reigen mit dem 90. Geburtstag von Heinrich Hoffmann. Vielen Kelsterbachern ist er noch bestens in der Erinnerung als Organisator und Moderator zahlreicher Veranstaltungen, die noch heute im im Kulturprogramm ihren festen Platz behaupten. Der Ehrenvorsitzende des Vereinsrings und langjähriger Hauptsamts-Leiter der Stadt Kelsterbach erfreut sich noch heute ansprechender Schaffenskraft und steht seinen Nachfolgern warmen Herzens zur Seite. Nicht minder populär dürfte Helga Oehne einzuschätzen sein. Die amtierende Stadtverordnetenvorsteherin erfreute sich einer Ehrung in der Partnerstadt Baugé für ihre herausragenden Leistungen um die Städtepartnerschaft, was sich nicht nur auf ihre profunden Kenntnisse der französischen Sprache beschränkt.

Pfarrer Köhl ist auch noch einige Jahre nach seinem ruhestandsbedingten Ortswechsel ein Begriff. Sein Eisernes Priesterjubliäm nahmen die Katholische Kirchengemeinde und seine zahlreichen Anhänger zum Anlass, einen Gottesdienst ihm zu Ehren zu feiern. Dabei zeigte sich klar, wie sehr der Geistliche in den Herzen der Menschen geblieben ist, denn eine komplett besetzte Kirche in gesundheitsbedingter Abwesenheit hinzubekommen, scheint exklusiv nur Pfarrer Herbert Köhl vorbehalten zu sein.

Seit 2003 für herausragendes Ehrenamtliches Wirken verliehen wird der Deutsche Bürgerpreis als einer der größten und wichtigsten Anerkennungen. Bei dem Festakt in den Räumlichkeiten der Kreissparkasse Groß-Gerau geladen waren eine besondere Kelsterbacher Persönlichkeit und eine besondere Organisation: Ernst Freese wurde ausgezeichnet für sein gesellschaftliches ehrenamtliches Engagement, dass nicht nur an Jahren gemessen in Kommunalpolitik (ununterbrochen seit 1962) und Vereinstätigkeit  seinesgleichen sucht. Zuvor als Alltagshelden ausgezeichnet, freuten sich Stadtbrandinspektor Thomas Heller in Begleitung seines kompetenten Mitstreiters Christian Rolle stellvertretend für die Kelsterbacher Feuerwehr über die Ehrung. Beeindruckt wurde die Jury mit einem Einsatzkonzept für Unwetterlagen, eine auch für Kelsterbach lohnende Leistung.

Den Landesehrenbrief aus den Händen von Landrat Thomas Will erhielten Brigitte Henninger und Wolfram Körner. Henniger, seit 1975 bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft aktiv, machte sich vor allem in zehn Jahren als Bezirksleiterin einen guten Namen. Die ehrenamtlich erfahrene Schwimm-Ausbilderin singt und gestaltet zudem noch beim Kelsterbacher Volkschor und geniesst in Kelsterbach den Rang eines Ehrenkerweborsch. Körner setzt sich seit dem Jahr 1968 für den Brandschutz ein. Dort agierte er in vielen wichtigen Funktionen höchst kompetent, seit 2009 bei der Feuerwehr in Raunheim.

 

Lobenswertes und Soziales

Niederschwellige Angebote für sämtliche Altersgruppen bietet das sogenannte Mehrgenerationenhaus der Caritas. Zwischen einem Mittagstisch für Senioren und einem Babysitterdienst gibt es noch offene Begegnungsangebote und Hilfestellung zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eröffnet wurde die Einrichtung unter prominenter Begleitung, bezuschusst werden die sozialen Angebote vom Bund. Im Jahr 2015 gelang es der Stadt Kelsterbach, die Vorgaben zur Ernennung als Fairtrade-Stadt zu erfüllen. Dieses Engagement zu aufrecht erhalten, bestätigte 2017 die siegelgebende Stelle „Transfair“ die Würdigkeit der sogenannten Rezertifizierung, wieder für zwei Jahre. Für die anerkannte Arbeit beim Thema Berufsvorbereitung konnte die Integrierte Gesamtschule erneut den Titel „Starke Schule“ erringen. 35 Kelsterbacher folgten dem Aufruf von Bürgermeister Manfred Ockel und des Fahrradbeauftragten René Wollmerstedt, das Mainufer von Plastikmüll zu befreien. Beim „Beach-Clean-Up sollten der Fluss und damit die Meere vor Verschmutzung mit Folgen bewahrt und ein Zeichen gegen Umweltverschmutzung gesetzt werden. Vor drei Jahren nach Deutschland geflohen, fand Hassan Housseni in Kelsterbach seine neue Heimat. In der Stadt- und Schulbibliothek stellte der versierte Fotograf seine Werke aus, die sich unter anderem mit seiner iranischen Heimat, aber auch mit dem Hessentag befassten. Das Kinder-Tandem ist mitnichten ein Fahrrad, sondern die achte Kindertagesstätte in Kelsterbach. Nach der „flying Villa“ verfügt Kelsterbach nun über eine weitere Einrichtung eines freien Trägers.

 

Bemerkenswertes

Obwohl nicht in Kelsterbach veranstaltet, zog der Hessentag eine Vielzahl von Kelsterbachern in seinen Bann. Für zehn Tage zeigte sich die Nachbarstadt Rüsselsheim im feierlichen Ausnahmezustand, beim Umzug, im Vereinsdorf zeigten Vereine aus der Untermainstadt, dass sie imstande sind, überregional ihr Können unter Beweis zu stellen. Handharmonika-Spielring, Egerländer Gmoi oder die Tanzgruppe Flair erfreuten nicht nur die Ihren beim größten Fest der Hessen. Bürgermeister Manfred Ockel und ehrenamtliche Kollegen traf man bei der von Politprominenz geprägten Landesausstellung, beim futuristischen gestalteten Stand von „Drei-Gewinnt“ oder auf dem Main per Drachenboot.

Fast schon regelmäßiger Gast im Sportpark ist der DFB, den der hervorragende Zustand der Kelsterbacher Sportstätten nach wie vor veranlasst, diese günstige Infrastruktur für seine Zwecke zu nutzen. Beim Länderspiel der U19 bewunderten zahlreiche Zuschauer einen Sieg gegen die serbische Auswahl. Zwingend in die Geschichte eingehen dürfte der Trainigsaufenthalt der A-Nationalmannschaft, die neben sympathischen Begegnungen und Fotos vor allem mit einem anschließenden Sieg beim Confederations-Cup nachhaltig in Erinnerung bleiben dürfte.

Einen hochkulturellen Abend und einen Zugewinn an Kenntnis über die Indische Kultur erlebte nicht nur die Landtagsabgeordnete Kerstin Geis, die sich unter die zahlreichen Zuschauer von „Sounds of Rainbow“ mischte. Gesang, Tanz, Kulinarisches machten das ferne exotische Land in Kelsterbach erlebbar, die geplante Neuauflage im April steht bereits als Pflichttermin in so manchem Kalender.

Der Künstler Jens Jansen inspirierte Kelsterbacher Jugendliche, nach dem Bahnhof die Unterführung am Ortseingang mit Graffiti zu veredeln. Dabei heraus kam Sehenswertes, sogar die Fans von Eintracht Frankfurt finden ihre Befindlichkeiten dort künstlerisch berücksichtigt.

 

Gefährliches

Die naturerblich werthaltige Platane beim „Grünen Baum“ bekam die Kraft der Elemente zu spüren. Der Gewittersturm, der im Sommer für Schlagzeilen sorgte, zog auch über Kelsterbach. Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr und der Kelsterbacher Kommunalbetriebe zollten bei zahlreichen Einsätzen dem Unwetter Tribut und leisteten Beeindruckendes. Kelsterbach als Sperrzone, Evakuierungen und ein kreisender Helikopter. Eine Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg sorgte für große Aufregung. Bis der Kampfmittelräumdienst Entwarnung gab, vergingen viele Stunden, bei denen aktive Besonnenheit und eine gute Abstimmung der Verantwortlichen, den Schrecken auf ein im Nachhinein erträgliches Maß reduzierte.

 

Das Jahr 2017 hatte viel zu bieten und brachte einmal mehr hervor, dass sich die Bürgerinnen und Bürger Kelsterbachs vielfältig in das Stadtgeschehen einbringen und inzwischen die sozialen Netzwerke eine erkenntnisbringende Meinungsbreite aufzeigen. Den Ausklang des Jahres bildete der Reigen zahlreicher Adventsveranstaltungen, die sich inzwischen mit zwei Weihnachtsmärkten schmücken. Die Termindichte fortgeschrieben, zeigte sich bereits der Januar mit Neujahrsempfängen in seiner Ausprägung. So auch am bevorstehenden Sonntag, wenn die Stadt zu einer entsprechenden Neuauflage einlädt. Das Stadtoberhaupt Manfred Ockel wird dann ein wenig zurück- und ein wenig mehr nach vorne blicken.